Beschlagnahmt: Rezension Interim 718

28 Seiten A4, rotes Cover, rest schwarz/weiß, Schnippellayout. An der Interim ändert sich nach gut 20 Jahren nicht viel. Die Nr. 718 sollte heute Vormittag in einigen linken Buchläden in Berlin beschlagnahmt werden. Es geht wohl um eine Anleitung zum Molli-Bauen und für einen zeitverzögerten Brandsatz. Schauen wir doch mal was die aktuelle Ausgabe zu bieten hat. Eine Rezenssion:

Seite 2 Editorial
Wie üblich steht auf Seite 2 was in der Ausgabe zu finden ist und wie die „Redaktion“ das bewertet. Castor schottern finden sie super, Berlin on Sale war nett klein aber mit guten Ansätzen (Job-Center Neukölln, Bioladen-Plünderung, öffentliches Dinner am Leopoldplatz ohne Bullen). Am Ende steht die obligatorische Entschuldigung für unregelmäßiges Erscheinen.

Seite 3 Spurenarmer Molli
Das Problem ist bekannt. Das Hantieren mit Feuerzeugbenzin, Kohleanzündern usw. reicht den Bullen um Leute für lange Zeit in Untersuchungshaft zu stecken. Egal ob eine Straftat nachgewiesen werden kann sind solche Spuren an Haut, Handschuhen und Accessoirs zu vermeiden. Obwohl der Einsatz von Mollis (kleine Brandbomben die besser aussehen als Bengalos, Eindruck schinden und bei sachgemäßem Einsatz vergleichbar hohen ge- bzw. ungewollten Schaden anrichten können) in der politischen Praxis unüblich ist, hat sich eine Gruppe drangemacht einen Molli ohne lästige Spuren zu entwickeln. In der Einleitung wird auf nicht ratsame Anwendungen (Demos, defensive Situationen usw.) hingewiesen und vor anderen Anleitungen gewarnt: „technisch grobe Anleitungen, wie in der Interim 708 führen garantiert zu unbeabsichtigten Konsequenzen, siehe 1. Mai 2009″. Schade dass sich die „Militanzdebatte“ in Anleitungen wiederfinden muss – dennoch gut dass die AutorInnen die Verpackungsbeilage darum ergänzt haben.
Es folgt die Materialliste und Hinweise für den spurensicheren Einkauf und Zusammenbau (geneigte Krimi-LeserInnen können sich super reindenken). Nach einigem Hinundher-Gemische und luftdichtem Verschließen sind die Mollis längere Zeit lagerbar, da ein Verdunsten der Flüssigkeit nicht mehr möglich ist. Überschlagen (incl. des spurenlösenden Aceton, 100er Packungen Kabelbinder und Einweghandschuhen) braucht die Herstellung von 1-20 Mollis knapp 15 Euro (zzügl. Kraftstoff) und einen Nachmittag Zeit. Der Anleitung anbei sind Bilder wo Club-Mate (TM) Flaschen verwendet werden.
Gut, dass diese HeimwerkerInnen-Lücke nach Jahren der Ungewissheit („Riech ich so oder ist das mein Mofa?“) nunmehr gelöst ist und nur noch die relevanten Fragen (Anschlagsziele, Ausschluss der Gefährdung von Leben und Eigentum Dritter, zu erwartende Repression/Solidarität, eigener Mut) in die polititsche Kosten/Nutzen-Rechnung mit einbezogen werden muss.

Seite 4 Zeitverzögerter Brandsatz
Diese Anleitung beginnt gleich mit der Materialliste. Ein paar Sachen vom Molli-Bau brauchen wir hier wieder (Handschuhe, Trichter, Kabelbinder) aber noch einige andere Verbrauchsmaterialen (Streichhölzer, Kohlestäbchen, Kohleanzünder usw.). Hinzukommen praktische Anschaffungen wie eine Heißklebepistole und eine Gartenschere. Zur Montage halten sich die AutorInnen bedeckt – soll sich angeblich aus der darunterstehenden Zeichnung ergeben. Dafür ist etwas technischer Sachverstand nötig: Das Kohlestäbchen soll eine Folie durchbrennen und dann wiederum Kohleanzünder entflammen, der danach irgendwann dafür sorgt dass Plastikflaschen ebenfalls durchschmelzen und das darin enthaltene Kraftstoffgemisch entzündet. Die eigentlich interessante Frage wie lang denn nun die Zeit zwischen Anzünden und Abbrennen des Kraftstoffs liegen wird nicht beantwortet. Aber die Geruchsprobleme vom Joghurtbecher-Zeitverzögerer (auch bekannt unter „Nobelkarossentod“) aus der Prisma (auch beschlagnahmt aber lesbar) entfällt. Insgesmat sehr voraussetzungsvoll. Schade dass es hier keinen Disclaimer gibt. Also sind die AnwenderInnen genötigt erst auszuprobieren wie lang es dauert, wie es abbrennt, welche Hitze entsteht und welchen Gebrauchswert der Brandsatz letztlich hat. Nicht zu vergessen die Debatten die sich neben den technischen noch ergeben.

Seite 5 Beugehaft gegen ehemalige RAF-Mitglieder
Ein Flyer der Roten Hilfe zu diesem Thema. Komplett nachzulesen

Seite 6 – 9 Castor Schottern
Aufruf, Aktionskonzept für die Castor-Aktionen im November. Komplett nachzulesen

Seite 10 – 11 Kleine Taktikschule: Der Hinterhalt
Das ist wieder was Selbstgemachtes. Das Problem: Politische Handlungsfähigkeit ist staatlichen Reglementierungen unterworfen die der Wut über die Verhältnisse kein Ventil lassen. Auf Demos ist die Bullenschikane vorprogrammiert. Wer sich durch Klauen und Schwarzfahren hervortut darf als Vogelfreier von Bullen und Hilfsscherifs drangsaliert werden. Unterordnung scheint die höchste BürgerInnenpflicht und die Exekutive (Bullen/Verwaltung) ist angehalten auch die dümmsten Verordnungen und Gesetze gegen die weniger mächtigen Menschen nachhaltig (mit Knarre und Amtstempel) durchzusetzen. Die AutorInnen beschreiben daher Ohnmachtsgefühle, die sich durch die dauerhafte Sichtbarkeit der Staatsmacht und deren Institutionen im Alltag einstellen. Sich in dieser Freiheit kaum frei fühlen zu können leuchtet allen ein.
Um sich zeitweise weniger ohnmächtig zu fühlen und sich für erfahrene Unterwerfung zu rächen nun der Vorschlag: Bullenfahrzeuge im Einsatz aus dem Hinterhalt anzugreifen ohne dass sie damit rechnen. Nur kurz einhaun und weg. Keine Duelle, keine Schüsse, kein Dialog. Beschädigt werden soll nur die Einsatzfähigkeit, in dem sie sich mit dem plötzlichen Angriff beschäftigen müssen und natürlich soll irgendwie auch die Hoheit des Staates angegriffen werden. Weil der Hinterhalt eine „international anerkannte Guerillamethode“ ist, folgen aktuelle Beispiele aus Spanien und Belgien. Danach werden praktische Hinweise zur Wahl des Ortes und zum Ablauf gegeben. Die Hoffnung: entweder die Bullen meiden manche Gebiete fortan oder sie brauchen soviele Streifen in unsicheren Zonen dass sie wiederum nicht genug Personal zur Sicherung des Rechtsfriedens woanders haben. So oder so: Der Erfolg ist schwer quantifizierbar, die Analyse ist einfach aber deshalb noch nicht falsch. Mehr Polizei und die ganze Taktik verkommt zum Aufmuskeln gegen Bullen die nichtmal diese Logik auf die Reihe kriegen. Am Ende wird sich auch mit der Aktionskritik auseinandergesetzt, dass der Hinterhalt geringen Nutzen aber dafür großen Aufwand brächte. Die Anwort: „Ja vielleicht, aber die, die diese Einwände erheben, haben auch nicht mehr im Angebot als sich bei der nächsten Demo wegen irgendeiner Lapalie die Zähne ausschlagen zu lassen oder Platzverweisen zu folgen.“

Seite 12 – 18 Berlin on Sale
Die Broschüre zu den Herbstaktionstagen gegen die sozialen Angriffe auf unser Leben ist hier komplett abgedruckt. Aber auch im netz. Daneben ist noch ein Flugi von „Steigende Mieten Stoppen“

Seite 19 Mord an Slieman Hamade durch Berliner Bullen
Eine Erklärung von Sliemans Verlobten, die ihre Gefühle zum Polizeieinsatz schildert. Slieman wurde im März 2010 in seiner Schöneberger Wohnung von Bullen schwer misshandelt und mit Pfefferspray so sehr traktiert, dass er vor Ort verstorben ist. Der Text ist nachzulesen. Daneben steht ein unvollständiger Ausdruck des Artikels „Polizeigewalt: Suche nach Details“ der sich mit der Folterung eines Einbrechers durch Leverkusener Bullen beschäftigt.
Schade dass es bei diesen Texten bleibt und z.B. nicht die Kleine Anfrage oder die anderen Todesfälle durch Pfefferspray herangezogen werden um endlich mal eine breitere Kampagne gegen diese angeblich „nicht-letale“ und deshalb inflationär gebrauchte Bullen-Waffe zu starten. Ein strukturelles Problem bei der Interim. Es ist kein Organ was die radikale Linke organisiert und mobilisiert.

Seite 20 – 23 Antifa gegen „Zuerst“
Abdruck des Flugblatts der Antifaschistischen Linken International

Seite 24 – 25 Stellungnahme der Fahrradwerkstatt „les lanternes rouges“ vom Wagenplatz Schwarzer Kanal zum Rassismusvorwurf
Einer der wenigen Texte der auf andere vorher erschienende bezug nimmt. Der Dialog ist in Gänze aber auch auf Indymedia bereits Anfang August erschienen

Seite 26 Veranstaltungsankündigungen
Solidarische Ökonomie
70 Jahre seit der Ermordung Leo Trotzkis

Seite 27 Aufruf zur Hamburger Demo „Leerstand zu Wohnraum“

Rücktitel: Plakat zur Hamburger Demo „Leerstand zu Wohnraum“

Allgemein betrachtet ist die Interim Nr. 718 eine Anhäufung von aktuellen Texten der radikalen Linken, die durch den Druck von anderen hervorgehoben werden. Die wesentlichen mehr oder weniger massenmobilisierenden Aufreger (Castor, Berlin on sale, RAF, Hamburg) sind präsent. Die Interim ist kein Diskussionsorgan (Indymedia will es auch nicht sein) – keiner der Texte fordert Stellungnahmen ein oder eröffnet Debatten. Es scheint als hingt die Interim laufenden Diskursen hinterher. Auffällig ist dass die wenigen Texte die allein für die Interim verfasst wurden sich mit Polizeigewalt/taktik und Gegenstrategien beschäftigen. Für diesen Politikbereich lohnt sich das Organ offenbar, die anderen Texte sind alle im Internet und anderen Publikationen zu finden.


2 Antworten auf “Beschlagnahmt: Rezension Interim 718”


  1. 1 StressCombo 27. Oktober 2010 um 13:14 Uhr

    Lasst mal die Nischenpolitik sein ihr Reformisten.
    Laden zu machen.Euch braucht niemand.

  1. 1 Aponaut Trackback am 26. Oktober 2010 um 18:39 Uhr
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