Offener Brief zum Erhalt des Linienhofs

Unterstützer_innen überreichten am Dienstag einen offenen Brief an die Eigentümer_innen des Linienhofes. Etwa 20 Aktivist_innen aus verschiedenen Projekten machten sich morgens auf, um den Eigentümer_innen des Grundstücks Kleine Rosenthaler Straße 9 in Berlin Mitte, auf dem sich das selbstverwaltete Werkstattprojekt Linienhof befindet, einen offenen Brief von mehr als 30 Projekten und Gruppen aus Berlin zu überreichen.
Die erste Station war das Büro der „alternativen“ Architektin und Beteiligten der Baugruppe Anne Lampen in der Schlesischen Str 31 in Kreuzberg. Lampen wäre nicht da, und der Besuch und die Diskussion einiger Unterstützer_innen in der vergangenen Woche sei schon genug gewesen, meinten die Mitarbeiter_innen durch die eilig zugeknallte Tür. Der Brief wurde im Briefkasten hinterlegt.

Dann ging es weiter in die Oranienstr 173, wo der freie Journalist und Globalisierungskritiker Mathias Greffrath wohnt, der sich als Vertreter der „Bauherrengruppe“ besonders hervortut. Diesen trafen sie vor Ort an, es kam zu einer wenig konstruktiven Diskussion im Treppenhaus.

Die nächste Station war die taz, die durch die Veröffentlichung eines Artikels von Ex-Hausbesetzer Uwe Rada, einem alten Kollegen von Greffrath, in der vergangenen Woche unangenehm aufgefallen war. Dieser kam nicht heraus, sagte aber telefonisch die Teilnahme an einer öffentlichen Diskussion zu diesem Thema zu. Mehr Kooperationsbereitschaft zeigte der Leiter der Berlin-Redaktion Gereon Asmuth, der in einem Gespräch auf der Straße die Widersprüchlichkeit dieses Konflikts einräumen musste. Über die Veröffentlichung des offenen Briefes und einer weiteren Stellungnahme von Unterstützer_innen müsse beraten werden.

Hortensia Völckers, die künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes und ebenfalls Eigentümerin des umstrittenen Geländes, wurde in ihrem Büro am Lützowplatz 9 nicht angetroffen. Der Brief wurde von einer Mitarbeiterin angenommen.

Offener Brief an die Eigentümer_innen des Grundstücks Kleine Rosenthaler Str. 9

Berlin, den 6.8.2010

Sehr geehrter Herr Greffrath, sehr geehrte Frau Völckers, sehr geehrte Frau Lampen,

wir wenden uns heute an Sie, weil wir über den Verlauf der Dinge in dem Konflikt um den Linienhof doch stark beunruhigt sind!

Der Linienhof ist ein wichtiger Bestandteil Berliner linker, unkommerzieller Strukturen. Gerade für die Wagenplätze, die Sie ja scheinbar für unterstützungswürdig halten, ist der Linienhof eine Anlaufstelle – denn hier kann geschweißt, geflext und ausgebaut werden. Und das umsonst.
Wir können verstehen, Herr Greffrath, dass man es nach 20 Jahren Oranienstraßen-Hinterhaus schön haben will im Alter und gesichert. Wir können verstehen, dass man sich mit anderen zusammen ein Eigenheim bauen will und es ist löblich dies nicht nur mit der eigenen Kleinfamilie zusammen machen zu wollen. Darum geht es nicht. Es geht um die Wahl des Ortes, um die Teilhabe an Gentrifizierung, Vertreibung und Zerstörung.
Wir können nicht verstehen, Herr Greffrath, dass Ihnen Ihre eigenen Widersprüche nicht auffallen, wenn Sie behaupten, das Gelände wäre frei gewesen, da hätten nur ab und an welche geschraubt, dass seien aber nie die gleichen Leute gewesen. In jeder Selbsthilfewerkstatt werden Sie selten heute dieselben Leute treffen, die Sie noch gestern angetroffen haben. Das ist das Geheimnis eines Ortes wie des Linienhofes, dass er von verschiedensten Menschen genutzt werden kann, und nicht Ort der immer gleichen drei Schrauber_innen, Künstler_innen, Bastler_innen etc. ist!!!
Sehen Sie wenigstens den Tatsachen ins Auge, dass Sie eine „Bauherrengruppe“ sind, die ein Gelände erworben hat, auf dem seit fast 20 Jahren ein unkommerzielles Projekt besteht, das Sie nun vertreiben und zerstören wollen. Damit stehen Sie völlig in der Tradition anderer Investoren und Eigentümer, die bereits für das Ende vieler anderer Berliner Projekte gesorgt haben.
Sie, liebe „Bauherrengruppe“, gehen ja sogar noch weiter, indem Sie nicht, wie sonst gerne, sagen: „Die, die hier leben oder arbeiten, haben kein Recht hier zu sein, denn das hier ist meins“, sondern Sie sagen: „ Die, die da sind, gibt es gar nicht, sonst hätten wir es uns nicht genommen.“
Auch wenn Sie sich die Augen noch so sehr reiben: Das ist perfide! Das ist Vertreibung eines der letzten linken Projekte in Mitte!
Seit längerer Zeit beobachten wir die Entwicklung, dass von KarLoh bis Car-Loft der Eigentumswohnungsbau reich gewordener Linker oder der Luxus-Loft-Bau in Gegenden, die mal diejenigen derer waren, die über wenig Geld und andere Ressourcen verfügen, zunimmt. Wie Sie vielleicht auch theoretisch wissen, geht dies einher mit einer so genannten „Aufwertung“ der Gegend, was defacto bedeutet: Eine Verteuerung der Mieten, eine Ansiedlung teurer Restaurants und Kneipen, eine Veränderung des Stadtbildes, in das bestimmte Leute nicht mehr passen, eine Verdrängung derer, die unterhalb des Mittelstands rangieren.
Natürlich wissen wir, dass es rund um den Rosenthaler Platz nicht mehr viel zu verteuern und zu vertreiben gibt; fast nichts mehr, außer den letzten kleinen Nischen, zu denen auch der Linienhof gehört.
Sie als „Linke“ hätten also auch sagen können: Abgefahren! Hier, wo man nur noch etwas für viel Geld bekommt, gibt es diesen kleinen Werkstatthof für Menschen, die sich am Rosenthaler Platz kaum noch eine Cola leisten können!
Deswegen erklären wir, die Unterstützer_innen aus anderen Berliner Projekten, unsere Solidarität mit dem Linienhof, der ein Teil unserer Strukturen ist!
Wir fordern von Ihnen, damit aufzuhören, so zu tun, als seien Sie die „Guten“, die niemals dort bauen würden, wo schon etwas ist, oder die sich ernsthaft um Ersatzlösungen bemühen!
Wir fordern von Ihnen, mit den taktischen Lügen aufzuhören!

PFUI!

Gerne würden wir z.B. wissen, Frau Völckers, mit welchen namenlosen Leuten Sie jemals beim Senat waren??
Gerne würden wir wissen, Frau Völckers, warum Ihnen auf der Suche nach Legitimation für Ihr Handeln die Phantasie in die unterste Schublade rutscht und Sie behaupten, Sie seien damit bedroht worden, dass Ihre Kinder in Gefahr seien!
Gerne würden wir wissen, warum ein Verein und/oder ein Anwalt, dessen E-Mail, Postadresse und Telefonnummer Sie haben, für Sie „kein“ Ansprechpartner ist!

Wir fordern Sie auf, von dem Bauvorhaben auf dem Gelände des Linienhofs abzusehen!!
oder dafür zu sorgen, daß es ein entsprechendes Ersatzgelände gibt!
oder die Erdgeschoßräume und Hoffläche Ihres neuen Hauses dem Projekt weiterhin zur Verfügung zu stellen!

Für den Erhalt linker Strukturen in Mitte und anderswo!!!

AK Kraak, Boedi9, Bewohner_innen der Brunnenstr.6/7, Buchladen oh*21, Café Morgenrot Kollektiv, CIRCA ClownsArmeeBerlin, Freie Kultur aktion e.V., Jugendzentrum Bunte Kuh, Kastanie85, Kastanie86, Køpi137, Libertarian Press Agency, Liebig14, Liebig34, Linie206, LSV-Berlin, Meuterei-Kollektiv, North East Antifascists (NEA), Projekte aus dem NewYorck im Bethanien, Projektraum H48, Rigaer94, Schwarze Risse Buchladen-Kollektiv, Schwarzrotbuch Verlag Berlin, Tante Horst Kollektiv, Subversiv e.V., Supamolly, Stadtteilinitiative Karla Pappel, Tagungshaus Wernsdorf e.V., Villa Felix, Wagenplatz Convoi, Wagenplatz Laster und Hänger, Wagenplatz Kinderbauernhof, Wagenplatz Lohmühle, Wagenplatz Ratiborstr., Wagenplatz Scheffelstr., Wagenplatz Schwarzer Kanal