Archiv für Mai 2010

Wedding vs. Köln: „Künstler sind der Durchlauferhitzer“

Mittlerweile kein Geheimnis mehr: Linke alternative Subkultur und prekarisiertes KünsterlerInnenmilieu sind verkaufsfördernd. In Köln wurde letzte Woche, organisiert vom Autonomen Zentrum Köln, über dieses missliebige Verhältnis diskutiert. Die auf Indymedia veröffentlichten Statements sind so nett, als das selbst wir abgestumpften Berliner sie wahrnehmen, den Kohleanzünder kurz beiseite legen und über die eigene Rolle nachdenken: Kaum ist die Liebig34-Fassade am Wochenende frisch gestaltet worden, kommen mehr Touris und die Eigentumswohnungen im frisch sanierten Haus gegenüber erfahren eine gewisse Wertsteigerung. Die Streetart-Credebility der StaßenkünstlerInnen sinkt – leider können sie sich, Alias sagt es dem FREITAG, schwer wehren. Auf dem Dorfplatz hat mensch bekanntlich einen besonderen Umgang damit:

Ich schlage vor, in die rigaerstrasse/liebigstrasse zu ziehen, einen einkaufswagen anzuzünden, sich in hundescheiße zu setzen, ein sterni zu trinken,transpis zu basteln, vokü zu verteilen und mit den lesben und punks zu schreien. und bitte nicht den schwarzen kapuzi, ja, auch die sonnenbrille und die töle nicht vergessen, meine herrn.. und ich hoffe Sie können italienisch, spanisch oder englisch, mit berlinern kommen se da nich weit.

Hauptstadtblog „Ziehen nach Berlin, aber wohin?“

In Köln scheinen sie sich nicht so gut deattraktivieren zu können: Gastgeber/in Pyranha (Köln) gab sich keinen Illusionen hin: „Wir sind Teil einer Entwicklung, die wir bekämpfen wollen. Aber wir sind Teil des Prozesses und deshalb ist der Zuspruch aus der Stadtpolitik so groß“. Die Frage sei demnach nicht, wie man aus der Nummer rauskommt, sondern die Situation im Rahmen der Möglichkeiten im Stadtteil politisiert. „Wir versuchen einen anderen Weg hier und behandeln uns schlicht anders … Es ist ja fast schon ein revolutionärer Akt, wenn Leute Sachen machen, die in ihrem Interesse sind“.
In Düsseldorf sieht man das ähnlich und spielt ein ironisches Spiel mit dem Düsseldorfer Stadtmarketing. In Düsseldorf wird seit Anfang 2010 die Bewegungsfreiheit in der Stadt thematisiert, Guinessbuchrekorde für vegetarische Bratwürste aufgestellt, verschenkt die Graffiti-szene ihre Schulden und zieren Bänke den öffentlichen Raum u.a. mit der Aufschrift: Besetzt die Banken. „Die Vereinnahmung darf kein Totschlagargument sein, jetzt gar nichts mehr zu machen“, sagt Andy. „Freiräume für Bewegung“ ist ein Zusammenschluss aus der freien Kulturszene Düsseldorfs und begreift sich als Teil einer bundesweiten Bewegung, die aktuell in mehreren deutschen Großstädten entsteht und ihr Recht auf Freiräume, Gestaltung und Selbstbestimmung – kurz: auf ihre Stadt – einfordert
In Hamburg ist die Vereinnahmung ein klarer Fall und Ausgangspunkt für die Bewegungen um das Recht auf Stadt sowie das Manifest „Not in our Name [NION] Marke Hamburg“. Hier werden keine Forderungen nach Geld oder Freiraum gestellt, sondern schlicht, dass man in Ruhe gelassen werden will. Die Welle, die die Bewegungen schlug, war dennoch zwingend. Nachdem das Manifest in nur einem Monat über 5000 Unterschriften zählte, kam Stadtentwicklungssenatorin, Anja Hajduk, nicht um einen Anruf bei Ted Gaier umhin. „Wir müssen reden“, sagt sie, und will die Zitronen an eine Hamburger Kreativagentur vermitteln. Es sei ja schön, dass sich die Herren Musiker so sehr für ihre Nachbarn einsetzen: „Aber was können wir für Sie tun“? Die Gängeviertelbesetzung wurde vom Hamburger Bürgertum umjubelt und das kam nicht von irgendwo. Die Künstler haben den linksradikalen Gestus vermieden und waren verhandlungsbereit. „Künstler sind wie Lemminge“, sagt Ted, „Künstler sind der Durchlauferhitzer für Stadtviertel, die noch nicht warmgelaufen sind“.
Die Moderation ist noch immer nicht zufrieden: „Ok, ich bin ja auch hier und mach hier meine Nachbarschafts Ini, aber gibt es denn nicht irgendwas, was uns nicht integrierbar macht? Für Ted Gaier eine zu starke Feindfixierung, die auf ästhetische Abschreckung zielt: „Sind wir so anders? Geht das“? Zeitgleich verweist er auf die besetzte Flora, die auch schon ein Benefizkonzert zu ihren Gunsten abgelehnt hat und sich nichts sehnlicher wünscht als die Löschung aus dem Grundbuch.
Gegen Ende der Veranstaltung schaltet sich auch das Publikum ein. Während die einen die Revolution runterkochen und die Revolution im Alltag betonen, wollen sie andere hochkochen. Fakt ist, dass sich Kalk bewegen wird und dass jetzt Leute nach Kalk kommen, die vorher nie in Deutz umgestiegen sind. Das Konfliktpotential der Raumaneignung ist also wechsel- und vielseitig und wird die alltägliche, soziale Auseinandersetzung vor Ort nicht ersetzen können.

Hmm.. Und der Wedding – ein Gebiet, dass „noch nicht warmgelaufen ist“. Andrej Holm hat zusammen mit dem Weddinger Polit-Cafe in der Scherer8 eine gut gemachte Analyse von ersten Anzeichen der Aufwertung abgeliefert. Demnach lassen sich Aufwertungstendenzen kategorisieren, um im zweiten Schritt punktuell besser entgegensteuern zu können:
- Politisch initiierte Gentrification (z.B. Sanierungsgebiete oder gezielte Quartiersaufwertungen)
- Symbolische Aufwertung durch Enklavenbildungen von Pioniernutzungen
- Mietsteigerungen durch Umzüge aus anderen Aufwertungsgebieten (Umzugskettenaufwertung)
- Aufwertung durch Nachbarschaftseffekte von Neubauprojekten

Auf dem nächsten Treffen am 10. Juni (Donnerstag) soll über Strategien diskutiert werden, wie Mietsteigerungen und Verdrängungseffekte im Wedding möglichst frühzeitig verhindert werden können. Es könnte spannend werden, mal was zwischen Dorfplatz-De-Attraktivierung und kapitalistisch integrierbarer Pionierarbeit zu entwickeln. Also: 20:00 Uhr, Schererstraße 8 (S+U Wedding).

RAW-Tempel gerettet? Schleichender Umbau des Geländes

Der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, sieht laut Tagesspiegel einen der „größten stadtentwicklungspolitischen Erfolge“, die Erhaltung des denkmalgeschützten Reichsbahn-Ausbesserungswerkes (RAW) und auch die taz sieht den „Durchbruch in Friedrichshain“. Ganz so rosig wie es manchen Medien scheint, ist die Situation aber wohl doch nicht.
Es gibt neue Mietverträge über eine Laufzeit von 10 Jahren für das Gelände des Cassiopeia mit Club, Freigelände, Kletterkegel und die Skaterhalle. Für den RAW-Tempel e.V. gibt es einen Vorvertrag mit dem Grundeigentümer, der R.E.D. Berlin Development GmbH für die Gebäude Beamtenwohnhaus, Verwaltungsgebäude und Stoff- und Gerätelager, der bis zum 30. Juni 2010 in einen Mietvertrag umgewandelt werden soll. Derzeit wird über die Vertragsdetails verhandelt.
Der für den 9. Juni 2010 angesetzte Gerichtstermin über die Räumungsklage wurde einvernehmlich aufgehoben, bei Vertragsunterzeichnung und Erfüllung der Konditionen soll auch die Klage zurückgenommen werden.
Ein weiterer Punkt bei den Verhandlungen ist ein viertes Gebäude. Das Vier-Häuser-Konzept des RAW-Tempel sieht die Einbindung des Ambulatoriums als Spielstätte und Präsentationsort vor und möchte es deshalb in den Mietvertrag einbezogen haben. Einen Durchbruch hat B-Like-Berlin auch gesehen – bzw. sogar mehrere Durchbrüche. Allerdings andere als die taz.
So wurde der Eingang zum Cassiopeia von der Straßenseite enorm verbreitert, wurde kräftig auf- bzw. abgeräumt. Der Holzsteg ist verschwunden, die beiden Bäume stehen noch. Das Graffito auf der Rückseite fiel mit: Streetart – Die bunten Mauern von Berlin.
Auch an anderer Stelle wurde die Zufahrt zum RAW-Gelände verbreitert und asphaltiert. Es vermittelt sich der Eindruck, dass das Gelände verkehrsgerecht gestaltet werden soll – bzw. bereits ist. Die Vision von einem autofreien Gelände dürfte damit der Vergangenheit angehören.
Im Tagesspiegelbeitrag fiel auch das Stichwort Denkmalschutz. Teile des Geländes stehen unter Denkmal- bzw. Ensembleschutz, dazu gehört auch die „Einfriedung, um 1913″ – worunter man wohl die aufgesägte Mauer verstehen darf. Nachzulesen in der Denkmalliste bzw. in der Denkmaldatenbank, über die Homepage der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.
Noch ein paar Worte zur Rechtslage: Ein gültiger Bebauungsplan für das Gelände besteht derzeit nicht. Die R.E.D. hat dem Bezirk ein Zwischennutzungskonzept über 10 Jahre vorgelegt. Diese Zwischennutzung erfordert keine Bürgerbeteiligung, was bedeutet, dass der Bezirk in diesem Zeitraum keine Planungsteilhabe mehr hat. Bei den Feinheiten des Baurechtes geht es u.a. darum, ob §34/I (d.h. Baurecht in Anlehnung an vorhandene Nutzung) oder 34/II (Anlehnung an frühere Nutzung, d.h. Gewerbe) zur Anwendung kommt. (Protokoll Öffentliche Sitzung des Ausschusses für Stadtplanung und Bauen)
Im Rahmen dieser Zwischennutzung ist bereits ein Getränkegroßmarkt auf dem Gelände eingezogen, im vorderen Bereich, an der Warschauer Straße hat ein Biergarten eröffnet und jeden Sonntag gibt es einen Trödelmarkt auf dem Gelände. Weiteres dürfte folgen. Welche Strategie auch immer dahinter steckt, es wird sicherlich eine geben, die nichts mit dem status quo des RAW-Tempels zu tun hat. Danke an B-Like-Berlin für diesen kritischen Beitrag.

Reclaim your Hauswand: Ergebnisse des Wochenendes

Nach dem Liebig34 ART‘N‘MUSIC FEST dieses Wochenende ist die Fassade des Hauses neu gestaltet. Auf unserem Flickr-Account könnt ihr den Prozess nachvollziehen. Hoffentlich werden die Leute von Reclaim Your City demnächst fertig. Außerdem ein ästhetisches und kulturelles Ergebnis vom Samstag: Die Band „Jugend gegen Erfinder“ (Rollschuh Spiesser Grind Hop) als Video auf unserem Youtube-Channel.

unARTige Fragmente: Fassaden-Crossing


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20 – 23. Mai: Liebig 34 ART‘N‘MUSIC FEST

Liebig ART‘N‘MUSIC FEST
20-23th May everyday from 4pm ’til late…
STREETART, EXHIBITIONS, MUSIC, MOVIES, PERFORMANCES, BANDS, PIRATES, FOOD AND MOOORE…

PROGRAMM FESTIVAL (mehr…)

Mit Rainald und Luhmann lesen lernen

Dramatiker, Schriftsteller, Blogger, Kulturpessimist oder einfach nur am Feuilleton der ganz großen bzw. chemischen Substanzen hängengebliebender Rainald Goetz stellt „Die Ordnung des Ladens“ vor.

In seiner faustische Studierstube versucht er sich ausgerechnet mit Luhmann auf einen netten Nachmittag runterzupegeln. Hier fragt er jetzt warum man die edition in den letzten 30 Jahren gelesen hat. LOSLABERN. TRAKTAT. Is ja gut. Er meint er hätte was mit Sloterdijk am laufen, wovon der aber nix mitbekommen hat. Nein, nein, nein – wer nur den Abfall und den Trash der Kulturindustrie zusammensucht, um ihn genauso trashig mit einem „irre“ wieder auszukotzen, der erfüllt weiterhin das Appeasment der Kulturschaffenden mit der Politik. Der steht uns nicht beiseite, sondern irgendwo bei Dussmann und sucht nach Fontane.

Liegenschaftsfonds geentert: Maria-Grundstück soll verkauft werden

Die erste Privatisierung nach dem Bürgerentscheid „Spreeufer für alle!“: Das landeseigene Grundstück, auf dem sich das Maria am Ostbahnhof befindet, wird derzeit durch den Liegenschaftsfonds verkauft. Es sollen sich mehrere Bieter am Verkaufsverfahren beteiligen. Der Steuerungsausschuss, der den Liegenschaftsfonds anweist und kontrolliert, tagte am 12. Mai und wurde von knapp 100 Leutchen und einem Mega-Lauti daran erinnert, dass nur er den Verkauf des Maria-Grundstücks stoppen kann. (mehr…)

Tod eines Mieters

Das Berliner Bündnis Sozialmieter.de teilte am Sonntag mit, dass eines ihrer engagiertesten Mitglieder, Dieter Bernhardt, sich das Leben genommen hat. Dieter Bernhardt lebte in der Akazienstraße 6 in Schöneberg und war selbst von enormen Mieterhöhungen betroffen – Stichwort: Auslaufen der Anschlussförderung im Sozialen Wohnungsbau. Wir gehen an dieser Stelle der Frage nach, welche Vermieter es waren, die Dieter Bernhardt in diese ausweglose Verzweiflung trieben. (mehr…)

11. Mai: RiceUp zum Coburger Convent im XB

Auch dieses Jahr findet zu Pfingsten (20.-24.5.) der Pfingstkongress des Coburger Convents (CC) statt. Der CC ist ein Dachverband für pflichtschlagende und farbentragenden Landsmannschaften, dessen Pfingstkongress das größte Burschitreffen in „Großdeutschland“ ist. Gegen das im CC vertretene sexistische, elitäre, militaristische und nationalistische Weltbild regt sich seit Jahren Protest. Für dieses Jahr sind Aktionstage mit umfassendem Programm angekündigt. Dazu gibt’s von uns einen Infovortrag über den CC und zur Geschichte des Widerstands dagegen in Coburg. Außerdem, wie immer lecker vegane Vokü, Mucke, Kicker und Abhängen.

11. Mai, 20 Uhr, XB-Liebig (Liebigstr. 34, Friedrichshain)

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