Diskurs? Läuft doch auch ohne uns…

Gefunden in Friedrichshain
Nutzen wir Hennigs Foto aus der Frontberichterstattung (fensterzumhof.eu) um einige Worte zu den abgewrackten Autos der Besserverdienenden zu verlieren. Schon lange scheinen viele darauf zu warten, dass gerade wir uns dazu äußern. Lassen wir aber zunächst Außenstehnde zu Wort kommen. Die Neue Züricher Zeitung schreibt eine ganze Seite voll und bemerkt, dass brennende Autos nur ein Zeichen einer Gesellschaft sind, in der es wieder enger wird:

Politiker wie Oskar Lafontaine oder Sarah Wagenknecht treten stets in einer Atmosphäre auf, zu der nur noch das Motto «Reiche sind Schweine» so richtig passen will, und selbst auf sozialdemokratischen Parteitagen sind inzwischen geifernde Attacken gegen «Reiche» die Regel. Die Hatz beschränkt sich nicht auf die Politik. Auch in den Talkshows der Fernseh- und Radioanstalten kommen Besserverdienende böse unter die Räder. Jeder, der solche Tiraden abliefert, wird mit Applaus bedacht; wer sie in jener charmanten Unbeholfenheit vorträgt, die «Authentizität» suggeriert, darf mit Ovationen rechnen. Die deutsche Gesellschaft weiss – wieder einmal – sehr genau, was gerecht und gut ist.

Die eigentlichen Schuldigen, sitzen aber in der Liebig34, heißt es weiter. Oder doch nicht?

Sind die Täter wirklich Linksautonome oder Linksradikale? Aufmerksame Beobachter bejahen die Frage fast durchwegs, die Bürgerlichen emphatisch und mit einem guten Schuss Entrüstung, Linke meist zögerlich, grollend und mit der Anmerkung, diese Leute seien ja wohl keine wirklichen Linken, sondern einfach «Durchgeknallte». Ein Augenschein in der Szene hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. An der Liebigstrasse 34 in Friedrichshain, wo die Antifa ein Büro unterhält, ist um 11 Uhr 45 alles still. AJZ-Nostalgie steigt hoch: In der Mittagssonne döst ein antifaschistischer Hund, auf dem Sims steht dreckiges Geschirr, die Wände sind interessant und farbig. Ton, Steine, Scherben. René, ein vorbeischlendernder Sympathisant, überzeugt uns, vor 2 Uhr sei hier ganz sicher niemand zu erwarten, man habe gefestet. Dafür ist er auskunftsfreudig. Für ihn sind die brennenden Autos das Werk von Rechtsextremisten mit dem Ziel, die Linke «generell kaputtzumachen».


Die Zeit
baut das ganze um das Spreeufer auf, die Frage bleibt die gleiche:

Wie soll sie aussehen, die Stadt, in der wir leben? Überlässt man die Stadtplanung der Regierung oder sollte sie durch die Bürger mitgestaltet werden? Nicht immer decken sich die Interessen von Bürgern und Regierenden, wenn es um die Strukturierung des Wohn- und Arbeitsraums geht

Der Tagesspiegel bringt es im Dossier über den Bürgermeister Franz Schulz auf den Punkt:

Beton an der Spree, Fixer am Kottbusser Tor, Ärztehaus an der Bergmannstraße, Zoff im Künstlerhaus Bethanien. In seinem Bezirk hat das Sich-Engagieren Tradition. (…) Soll man denn den weltweiten Kapitalismus bekämpfen, aber dem Kapitalisten von nebenan, genannt Investor, das Feld überlassen?

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer hält im Interview mit dem Tagesspiegel über Mediaspree, die Diskussion mit den Gegnern und eine sozialverträgliche Entwicklung der Innenstadt, dagegen: „Niemand wird ins Randgebiet verdrängt“
Kurz danach ist dann doch von den „Opfern“ zu lesen: Zwölf Siedlungen auf Rädern gibt es in Berlin, doch viele sind bedroht. Der Tagesspiegel auf Besuch im „Schwarzen Kanal“.

Nach der Kritik „Megaspree fraß Mediaspree versenken“: Gut gemeinte Ratschläge an die Aktiven…
Megaspree: Warum die radikale Linke sich nicht ins Abseits manövrieren sollte.

Bei solchen Demos werden Menschen mobilisiert und politisiert, die keinen Bock auf die x-te typische linke Demo haben. Die radikale Linke verschläft in ihrer selbstreferenziellen Maulradikalität, dass erst große Bündnisse politischen Erfolg versprechen, dass bunte Demos Sympathien bei der Bevölkerung schaffen, dass genau diese Bilder nötig sind, um das Mediaspree-Projekt wirklich zu kippen. Dabei wird auch nicht erkannt, dass es dem Megaspree-Bündnis gelungen ist, die Mediaspree-Debatte wieder anzufeuern und ins Gespräch zu bringen. Stattdessen versuchen Teile der radikalen Linken weiter in ihrem säuerlichen Saft zu schmoren, sie neiden dem Bündnis die Mobilisierungskraft – und alles, was nicht der selbstgewählten Einförmigkeit entspricht, wird als reformistisch-kapitalistisch-oder-wie-auch-immer diffamiert. (…) Es geht um eine Stadt, in der wir uns alle wohlfühlen können. In der die Interessen der Menschen – und nicht nur das Scheiss-Kapital der Immobilieninvestoren – eine Rolle spielen. Um den Mediaspree-Horror in Stahl, Glas und Beton zu verhindern, wird nötig sein, dass sich verschiedenste Initiativen, Clubs, Wagenburgen, politische Gruppen, (radikale) Linke, Ökos und alle anderen zusammen an einen Tisch setzen.

In der „jetzt“ (Süddeutsche Zeitung) nochmal genauer:

„Erst kommen die Hausbesetzer, dann kommen die Studenten und die Künstler. Dann kommen Familien, Geld, es wird saniert und dann können es sich immer weniger Leute leisten dort zu leben“, sagt „Monty Cantsin“ von der Hedonistischen Internationalen. (…) Obwohl er auch gegen Gentrifizierung protestiert, glaubt er nicht, dass sich in der Hinsicht viel ausrichten lässt: „Man braucht da letztlich eine Politik der Mietpreisdeckelung.“

Sind wir wieder am Schluss der Debatte angekommen? Ohne soziale Wohnungspolitik, gibt es keinen sozialen Friede, gibt es kapitalintensive Sanierung, gibt es immer Leute, die den Flair teuer bezahlen wollen – und wenn es um ihre Karren geht, manchmal eben auch müssen.

Was sagen die NachbarInnen? Morgenpost weiß es:

Zum Entspannen halte ich mich besonders gern am Forckenbeckplatz in Friedrichshain auf. Die Vorzüge: Er ist gleich bei mir um die Ecke, er ist ruhig, und ich kann mich dort bei schönem Wetter auf die Wiese legen. Daniela Wilhelm ist 28 Jahre alt, studiert Mathematik und Germanistik und wohnt in Friedrichshain. (…) Wer Berlins wahres Gesicht sehen will, sollte das RAWGelände an der Revaler Straße in Friedrichshain erkunden.


Und die Nazis? Im Thiazi-Forum wird über den Übergriff an der Frankfurter Allee vor zwei Wochen diskutiert.

Wer diese Zecken da in dem Ghetto kennt, weiß das es sich zum Teil um Juden,Geheimdienst Provokateure,drogensüchtige Mörder und hartgesottene, geisteskranke Irre handelt, die mit allen Mittel regelmäßig auf Deutschenjagd gehen. Normale „Rechte“ hätten die eingesackt. (…) Ach was, die bekifften Langzeitstudenten aus der Rigaer? Die Modelinken aus der Boxhagener? Das ist doch nicht mehr das gleiche Kaliber, was damals noch die Mainzer Str. gehalten hat. Um die platt zu machen, müssen jetzt nicht zwingend die BFC´ler ausrücken.

Erst recht nicht, wenn wir mit Glitter und Konfetti anrücken. Auch eine Entwicklung die irgendwie damit zusammen hängt.

Unser Beitrag zu dieser Diskussion ist weniger Medienkompetent: Einigen aufmerksamen BeobachterInnen wird es schon aufgefallen sein. Vor dem Infoladen ist jetzt ein Blumenbeet, dass trotz der Gegenwehr prächtig blüht. Die Idee kam von einem älteren Anwohner, der uns freundlich darauf hinwies, dass wir auch die Straße gestalten dürften, wenn das sonst niemand macht. Weil Stadtteilarbeit für uns nicht andauernde Abwertung unserer Lebensumstände bedeutet – das wird ja in letzter Zeit oft in den Mittelpunkt gerückt, haben wir die Schließung des Nachbarschaftsgartens „Rosa Rose“ am 18. Juli zum Anlass genommen ein wenig Grün hierher zu zaubern. Die beiden schönsten Pflanzen stammen übrigens von der Rosa Rose, die hier Asyl beantragt haben.

Randnotiz:
Lichtenberg hat es vorgemacht. Friedrichshain-Kreuzberg zieht jetzt nach: Der Bezirk will alle öffentlichen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen an private Träger übergeben. Damit sollen die Personalkosten für 55 Mitarbeiter gespart werden.