Die lieben Nachbarn

Zum neuen Thor-Steinar Outlet gleich um die Ecke in der Petersburger müssen wir hier keine Worte verlieren. Daran muss sich der Kiez reiben – das verlangt schon die politische Hygiene..
Interessant ist aber wer was mit wem gegen den Laden unternimmt. Es scheint fast so, als würde der Protest relativ breit, durch unterschiedliche Spektren und erschreckend koordiniert getragen. Ein bisschen Parteien, ein bisschen Parade, ein bisschen Antifa, ein bisschen Hausprojekte, ein bisschen Migranten, ein bisschen Militanz, ein bisschen von all dem was wir uns unter Stadtteilarbeit an der Basis vorstellen. Dass da auf Indymedia wieder versucht wird Unterschiede und Heterogenität als Nichtvereinbarkeitskriterien hochzuputschen war ja klar:

keinen bock mehr haben auf: riotkiddis, stalinistschen/ maoistischen/ antideutschen – dogmatikern, alkverbot , fahnen hochalten/ hinterherlatschen, lauti schieben/ beschützen. die klassische linksuntensektierer-kleinstdemo mit lachverbot ist tod !

Das SO36 verarmt – Ein Nachbar will, dass eine Schallschutzmauer gebaut wird. Vielleicht kommt da ja die Fixer-Stube rein, die keiner haben will – jedenfalls nicht vor der Haustür.

Neue Nachbarn regen auch alteingesessene Nord-Neuköllner auf: Immer mehr Studenten ziehen auf der Suche nach billigem Wohnraum und Abenteuer in diese Gegend und die Mieten steigen. Jetzt gibt es sogar Zahlen.

Die Nachbarn kommen irgendwann und bauen alles zu. In Alt-Treptow versperrt bald ein neues Haus einer Kommune von altgewordenen Politniks (sowas ähnliches wie akademischen Hippies) die Sicht auf die schöne Stadt. Und weil unser Zynismus oft nicht ankommt: Wer die A100 mit dieser Baugruppe in der Karl-Kunger-Str. vergleicht, macht es sich zu einfach. Gentrifizierung hat viele Gesichter – eine zeitgemäße Analyse der Stadtentwicklung und die dahinterstehenden Interessen und Bedürfnisse sind sicher nicht zu vernachlässigen. Dass es Pioniere gibt, die den Weg zur Aufwertung ebnen, haben wir verstanden. Doch daraus eine Handlungsanweisung gegen jede Veränderung abzuleiten und überall Leute als Pioniere zu beschimpfen, ist Quatsch. Die Blockade reicht nicht aus, um die Lebensbindungen der Stadtbevölkerung insgesamt zu verbessern. Viel eher ist zu besprechen ob und wie wir uns ein Zusammenleben vorstellen können, was wir gemeinsam dafür tun wollen und was dabei beachtet werden muss wenn wir solidarisch miteinander umgehen wollen. Dass wir nicht die einzigen sind, die das so sehen, steht im Artikel: Gentrifizierung als Ideologie

Das sozialwissenschaftliche Konzept wird von politischen Gruppen völlig grotesk überdehnt und auf nahezu alle Phänomene angewandt, auch wenn sich keine empirischen Belege dafür finden lassen. Statt Analyse und Kritik wird damit auf moralische Empörung gesetzt, die nicht weiter begründet werden muss.

Wie es richtig geht: In Prenzlauerberg wurde aktiv Mietraum zerstört und in Eigentumswohnungen umgewandelt – Das ist Verdrängung..

Die besten Nachbarschaftsstreitereien sind übrigens nachzulesen auf Andrej Holms Blog.