Archiv für November 2008

Tempelhof lieber als Freifläche statt als Freiraum

Zugegeben, die riesige Fläche, die da so plötzlich mitten in Berlin freigeworden ist könnte schon was hermachen. Ein paar Neuköllner betreiben das Vorhaben auch und fordern eine unkommerzielle Nutzung der 4 Mio Quadratmeter. Doch jetzt mal ehrlich – die meisten Anwohner wünschen sich nichts sehnlicher als dass da erstmal überhaupt nix passiert. Statt sich mit dem ollen Stoppel-Beton-Feld zu beschäftigen sollten vorhandene – und oftmals hervorragend ausgestattete Freiräume innerhalb der Wohngebiete genutzt und gestärkt werden als andauernd neue Riesenprojekte weitab vom Schuss zu fordern. Folgend einige Beispiele über die aktuellen Verteilungskämpfe auf dem Immobilienmarkt.

Die Liebig34 wurde vor kurzem verkauft und steht grad in Verhandlungen mit dem neuen Besitzer Padovicz für einen Pachtvertrag. Bisher ist dieser wenig von der Idee angetan das Projekt zu erhalten. Um ihn, aber auch den Bezirk selbst zu überzeugen, dass die Liebig34 mit XB und Infoladen Daneben als linke Freiräume die Mühe wert sind, wurde diese Woche über die aktuelle Situation aufgeklärt. Naja, jedenfalls gabs eine Spontandemo und irgendwie kam auch durch wofür bzw. wogegen demonstriert wird: „Queer, Pervers und Arbeitsscheu – Wir bleiben unserem XB treu!“ Dass die Liebig34 als einziges Frauen-Lesben-Trans-Haus in Berlin nicht schon längst vom Senat aus dem Fonds für Frauenhäuser bezahlt wird, ist angesicht der geringen Anzahl der Frauenhäuser in Berlin, unverständlich.

Obwohl nicht explizit unsere Hood, waren wir letztes Wochenende in Potsdam, um gegen den Neubau des StadtSchlosses zu demonstrieren. Tatsächlich leistet sich Potsdam nach der Garnisionskirche nun ein weiteres irrelevantes aber prestigeträchtiges Bauwerk. Dass auch gegen die Schließung des Alternativklubs Spartacus und für den Erhalt des „Archiv“ und des „La Datscha“ demonstriert wurde, dürfte also nicht der einzige Grund für die 1400 DemoteilnehmerInnen gewesen sein. Nach der erfolgreichen Demo noch Besetzter-Party – ohne gehts natürlich nicht.

Die Verknappung unserer Möglichkeiten demokratischer Partizipation Raum zu geben, mag uns hart treffen. Viel härter aber trifft der Stadtumbau die individualisierten Nicht-Besser-Verdienenden. Die Hoffnung, dass die Mischung aus staatlichem Quartiersmanagment und privatwirtschaftlichem Pioniergeist zu einem Ausgleich von Kapital und Sozialem führt, hat sich nicht bewahrheitet. Die TAZ weiß auch schon was zu tun ist: Einzige Alternative – Eigeninitiative:

Wir müssen Lösungen finden, wie es weitergehen kann, ohne dass ewig viel Geld reingesteckt wird. Die Bewohner müssten es schaffen, ihre Projekte selbst in die Hand zu nehmen; verlässliche Strukturen, klare Regeln und Grenzen für alle Beteiligten seien die Grundlage dafür. Aber: Es braucht Zuckerle, sonst hängt den Engagierten irgendwann die Zunge raus.

Vor kurzem meldeten die Zeitungen, dass die Mieten in Friedrichshain-Kreuzberg im Verhältnis zu den Einkommen der BewohnerInnen unzumutbar hoch seien. Der aktuellen Studie vom Planungsbüro TOPOS zufolge bezahlen wir rund 1/3 unserer Einkommen für die Miete. Selbst der Immobilienverband IVD befürchtet die Verdrängung ganzer Bevölkerungsschichten an den Stadtrand:

Die Spitzenmieten besonders in der Innenstadt verdrängen die alteingesessenen und weniger zahlungskräftigen Bewohner. Immobilienunternehmen konstatieren eine »Binnenwanderung« in preisgünstige Randbezirke. So droht eine soziale Spaltung der Stadt. Der Senat hat darauf nach dem Ende des sozialen Wohnungsbaus kaum noch Einflussmöglichkeiten. Nötig wären bundesweite Regelungen zur Mietpreisdämpfung.

Ausgerechnet „Die Zeit“ huldigt der Verdrängung mit einem Erfahrungsbericht eines zahlungskräftigen Zugezogenen: „Ich habe mich neun Mal verlaufen, davon dreimal in meiner 124 Quadratmeter Altbauwohnung, die mich in Dortmund ein Vermögen kosten würde.“
Die Beraterfirma Centacon meint eine Möglichkeit gefunden zu haben die Spaltung der Städt aufhalten zu können. Billig muss nicht immer häßlich sein: „So wie die Gesellschaft sich spaltet, wird sich der Wohnungsmarkt verändern; also Wachstum im Billigsegment und Wachstum bei Domizilen für Spitzenverdiener.“ entsprechend haben sie für Niedrigverdiener die Gecko-Häuser am Bersarinplatz saniert. Dass nicht der Zuzug von Sutdierenden das Problem ist, sondern die Luxus-Sanierung der Wohnungen ist bei Centacon noch nicht angekommen.

Bei solchen Entwicklungen hat nichtmal das Bezirksamt was zu sagen – auch wenn so prominente Opfer wie die Tilsiter Filmspiele öffentlich für Unruhe sorgen. Von der Einbeziehung der Betroffenen ganz zu schweigen. Die durften dafür aber kürzlich gegen neue Parkzonen im Samariterkiez entscheiden. Wow! Dass die Bar25 jetzt doch noch ein bisschen bleiben kann, ändert nichts an der krassen Ignoranz des Senats bzw. des Media-Spree Konsortiums. Senatorin für Stadtentwicklung Junge-Reyer frech im Interview: Bei den Mieten zeichnet sich insgesamt weiterhin eine moderate Entwicklung ab. Zu erwarten ist, dass sich der Mietenmarkt in Abhängigkeit von Qualität und Lage des Wohnungsangebots sowie der für die entsprechenden Wohnungsbestände gegebenen Nachfrage weiter ausdifferenziert. Im nationalen Vergleich der großen Städte bleiben die Mieten außerordentlich günstig.

Die Reaktion folgt am 29.11. mit einer Demonstration gegen Mietsteigerungen um 14 Uhr am U-Schlesisches Tor