Archiv für September 2008

Kaufen, verkaufen, mieten, pachten, lablen..

Gestern demonstrierten ca. 500 Menschen durch Mitte und Prenzlauer Berg, um für den Erhalt der Linienstraße 206 und anderen linken Hausprojekten in Berlin zu demonstrieren.

Das Kreuzberger Haus Reichenberger Straße 114 befindet sich wegen Verschuldung des Eigentümers Atze Brauner in Zwangsverwaltung und soll verkauft werden. Das Haus besteht aus Vorderhaus, Frauen-Seitenflügel und Hinterhaus-Fabrik. Potentielle Käufer haben in den letzten Tagen bei Besichtigungen ein „Modernisierungspotential“ ausgemacht. Gerade im Hinterhaus, wo viele Menschen seit Jahren mit günstigen Pauschalmietverträgen leben, könnten großräumige Loftwohnungen entstehen.
Am 14.10.2008 um 9:00 Uhr soll das Haus im Saal I/144,Möckernstraße 130 zwangsversteigert werden.
Ein paar Tage später findet eine Tagung über Idee und Praxis neuer Eigentumsformen an Grund und Boden in Berlin statt.

Die Rigaer78 wurde bekanntlich von einer netten Stiftung gekauft, die wiederum das Haus an die BewohnerInnen verpachtet hat. Nachdem die ersten Aufräum- und Instandssetzungsmaßahmen auf Hochtouren laufen, werden die Vereinsräume im Vorderhaus bald eingeweiht. Und dafür wird ein neuer Name gesucht. Die ehemalige „Russenbar“ war lange Zeit eine Kneipe im Kiez, bis sie wegen eines Brandes, Ende der 90er Jahre, geschlossen wurde. Für gute Vorschläge winkt eine Kiste feinstes Sternburg!

Und was passiert eigentlich in der Liebig34.. Pssst.. da kommt bald was..

Bürgerbeteiligung und kein Ende

Nach dem Debakel mit dem nicht umgesetzten Mediaspree-Bürgerentscheid, verlieren viele die Lust an den Partizipationsmöglichkeiten, die uns die Stadt gerade bereithält. Da es scheinbar keine Alternativen zu den zahnlosen Ausschüssen, verwirrenden Fachgesprächen und den Wunschrunden mit dem Bürgermeister gibt, beschäftigen sich einige mit diesen Mitteln der Demokratisierung von Verwaltungsstrukturen.

Nach der Eröffnung: Verkehrschaos auf Zu- und Anfahrtswegen, Rückstau bis in die Karl-Marx-Allee, viel zu wenig Parkplätze um die O2-Arena. Das Bezirksamt verweist auf ein noch nicht vollständig umgesetztes Verkehrskonzept: Die Wohngebiete in der Nähe werden umgebaut, um mehr Fläche freizugeben. Hier lohnt sich der Spruch: Achtet auf Ankündigungen! Wer im Vorfeld mitreden möchte, kann versuchen an der öffentliche Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Verkehr und Wohnen der BVV-Friedrichshain-Kreuzberg am 7.10. um 18 Uhr teilzunehmen.

Wer sich durch das Infotainment des Bezirksamt klickt findet aber noch andere amüsante Dinge. Was ist eigentlich aus dem Bürgerhaushalt 2009 geworden? Geplant ist nach der Sommerpause zwei öffentliche Veranstaltungen in den beiden Ortsteilen Friedrichshain und Kreuzberg zu organisieren, in denen den Bürgern Informationen über die Möglichkeiten der Umsetzung oder Nichtrealisierbarkeit ihrer Vorschläge gegeben werden.

Seit Anfang dieses Jahres gibt es das Bürgerforum Stralau, das sich mit den städtebaulichen Veränderungen auf der Halbinsel befaßt und dabei eine Stimme der dort lebenden Bürger sein möchte. Auf dem Stralau-Blog wurde nun eine Veranstaltung des Bürgerforums im Nixenkai besucht und die Frage aufgeworfen was eigentlich Denkmalsschutz bedeutet, wenn es sowieso nur davon abhängt, ob der Investor das jeweilige Denkmal erhalten möchte.

Wie bevorzugen daher andere Formen des bürgerschaftlichen Engagements, beispielsweise die renitente Verweigerung, der am persönlichen Vorteil orientierten Berliner: 2/3 der Autofahrer haben keinen Bock auf die Umweltplakaete – vielleicht mit Erfolg. Das Rauchverbot wurde schließlich auch gekippt.

Wer sich nicht wehrt und nicht mal versucht sich zu beteiligen, lebt verkehrt. Was passiert, wenn mensch der Bourgeoisie alles durchgehen läßt schreibt der Berlin-Blogger Elementarteile:

Reich und Schön wohnt seit knapp einem Jahr neben mir in Eigentums-Etagenwohungen, zu Reich und Schön gehört auch Prinzessin. Prinzessin hat heute Geburtstag, 5 andere Prinzessinen sind eingeladen. Die Anlgage ist im Garten aufgebaut, Soundcheck, dann die Alleinunterhalterin mit dressierten Hunden, 2 Stunden Programm. Dann Kinderlieder, durch die Anlage gepustet. Eben, 23 Uhr wurden vom Caterer die kalten Platten ins Haus getragen. Prinzessin ist vielleicht 3 geworden, hächstens 4…

O2-World: „Platz für Siege“

„Machen wir aus der feierlichen Eröffnung ein Ereignis, das den exklusiv geladenen Gästen noch lange in schlechter Erinnerung bleiben wird“, war die Hoffnung vor der gestrigen Eröffnung der Anschutz-/O2-Halle am Spreeufer in Friedrichshain-Kreuzberg. Das ist uns, allen gemeinsam, im wesentlichen gelungen. Für Anschutz, O2, MediaSpree und die verantwortlichen Politiker_innen war der gestrige Abend ein ganz schönes Desaster! Ein Indymedia-Artikel fasst die Berichte vieler Augenzeug_innen und Beteiligten zusammen.

Und was sagen die anderen Berliner zu der Halle? Unser Lieblings ex-Fritz-Moderator, ex-Linker, ex-Weltverbesserer Johnny Haeusler: Nein, wir waren nicht dabei, bei der gestrigen Eröffnung der „O2 World“ in Berlin, weder auf der einen noch der anderen Seite, doch als wir das abschließende Feuerwerk am Himmel sehen konnten, dachten wir für einen Moment: Ach, guck an, das erste Schwarze Loch und ausgerechnet das neue Enormodrome hat’s zuerst erwischt!
Die TAZ sieht es prakmatisch: Dass die Halle nun steht – kein Argument. Wer Paläste abreißen kann, kriegt auch Sporthallen klein.
Im Abgeordnetenhaus wurde gefordert, die ganze Alternativkultur nach Brandenburg zwangsumzusiedeln, damit die Struppis hier nicht rumstressen.
Die Berliner Zeitung rückt den Hang der Berliner zu Volksmassen der Superlative ins rechte Licht: Zum Feuerwerk liefen Slogans wie „Platz für Helden“ und „Raum für Siege“ über die LED-Glasfassade. Die Hallen-Gegner waren in diesem Moment nicht die Einzigen, bei denen diese Bilder vage Erinnerungen an eine andere berühmte Berliner Mehrzweckhalle weckten. Den abgerissenen Sportpalast. P. Anschutz ist laut Cicero christlicher Fundamenalist, der massig Kohle bei rechten Gruppierung in den USA ablässt. Schlimmer noch als der Sieg des Neoliberalismus wäre die Rückkehr zur Vormoderne..

Siege wie wir sie mögen auf dem diesjjährigen Häuserrennen in Friedrichshain: Das fitteste Haus von Friedrichshain wurde die Scharnie 38, das eleganteste die Kreutziger 19 und das renditeversprechendste Haus wurde die Villa Felix, derem ganz speziellen Gefährt sogar die anwesenden Polizisten Respekt zollte.
Das Hausprojekt Linie206 braucht auch Siege und plant für Ende September eine Demo. Die 18 Bewhoner_Innen, so wie die Bands und Projektgruppen des Hauses stehen vor der Wahl 40 000 Euro an die aktuellen Eigentümer zu zahlen oder das Konzept eines emanzipativen Freiraums aufzugeben. In Mitte geht es zur Zeit einigen Projekten an den Kragen. Sei es der Schokoladen, die Brunnenstrasse 183, oder der Kastanie, die sich immer noch mit ihrem neuen Besitzer rumschlägt. Aus diesem Grund findet am 26. September um 17 Uhr am Rosentahler Platz eine Demo für den Erhalt linker Freiräume statt.

Immobilienrally notwendiger denn je

Am Samstag findet ab 14 Uhr mal wieder das Häuserrennen statt. Startpunkt der Demo ist Rigaerstr./Liebigstr. und endet auf der Oberbaumbrücke. Baut euch eine trag- oder fahrbare Hauskonstruktion und gewinnt den Preis für das „Rendite versprechendste“ Haus. Danach sind etliche VoKüs/Veranstaltungen/Partys geplant – wie immer total kurzfristig von Mund zu Mund mobilisiert.
Die „Rennsaison um Abschreibungsobjekte, Immobilienmaklerei und Investionsgelder“ wird damit eingeläutet. Tatsächlich stellt sich Berlin auf einige dreckige Dinge ein. Das Hausprojekt Liebig14 hat eine herbe Niederlage vorm Amtsgericht Lichtenberg hinnehmen müssen. Demnach sind Räumungsklagen des Besitzers Beukler gegen die BewohnerInnen des Projekts erfolgreich, wenn die Kündigungen wegen baulicher Veränderungen (in diesem Fall eine Zwischentür) ausgesprochen wurden. Schon nächste Woche wird über eine weitere der zehn Wohnungen entschieden.
Das Kulturprojekt „Fleischerei“ am Rosenthaler Platz wurde gekündigt. Selbst auf der Auszugsparty wird nochmal nachgetreten – zu laut, gibt auf die Fresse..

Beim NewYorck sieht es nicht besser aus: Die Verhandlungen über einen Mietvertrag für die seit 3 Jahren besetzten Flächen im Bethanien-Südflügel am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg sind in einer entscheidenden Phase. Während der Projektezusammenhang „NewYorck im Bethanien“ bereit ist, eine kostendeckende Miete zu zahlen, die auch eine gemeinnützige Projektarbeit möglich macht, droht der Vertragsabschluß an den überzogenen Mietforderungen und an der Unbeweglichkeit der Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE) und des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg zu scheitern. Währenddessen ist das sOfa ausgezogen und ist damit der Kündigung gefolgt.

Und wo das alles hinführt, wissen wir spätestens seit dem Quartiersmanagment am Boxi: Was nach der ganzen Sanierung, Abschottung und Vereinzelung bleibt, sind wenige öffentliche Plätze wie der Boxhagener Platz, an dem sich alles sammelt was sich früher noch aus dem Weg gehen konnte. „Wie eine Ratte im Labyrinth muss man die Wege zu Ende gehen bis hin zu den wenigen Durchgängen nach außen.“ Und alles nur damit der Kapital-Standort Berlin nicht mal so aussieht wir bei denWeb Urbanists schockierend dargestellt.

Aber jetzt gibts ja sowas wie Bürgerbeteiligung. Die Senatsverwaltung macht uns das Angebot, bis zum 6. Oktober den Flächennutzungsplan zu kommentieren. Das hat Auswirkungen auf Tempelhof – also ran an die Tastaturen! Einzige Alternative scheint die Eigeninitiative! Die Nutznießer mal für die Inneneinrichtung zahlen lassen oder selber Stadtteilinitiativen gründen..

Nicht vergessen: Mittwoch, 10. September, 17.30 Uhr „Nussbaumparkettlogen für Alle!“