Archiv für Juli 2008

Erde, Dreck und Infektionen statt Sommerpause

Während sich Berlin größtenteils auf Festivals rumtreibt, im Urlaub ist oder für Karrierezwecke einschließt, wollen wir hiermit dafür werben den Sommer auf den Straßen zu verbringen und sich handarbeitend in Hausprojekten und Nachbarschaftsgärten einzubringen.

Der Nachbarschaftsgarten Rosa Rose in der Kinzigstr. 11 ist durch Bauarbeiten zu einem Mini Gartenanbschnitt RestRosaRose (RRR) zusammengeschrumpft. Hier werden weiterhin Beete angelegt und gepflegt. Weiterhin ist die Rosa Rose offen organisiert und es kommen neue Leute hinzu. Am 16. August ist die Rosa Rose auch auf dem Hoffest der Kinzig9 vertreten. Zuletzt mit TOP-Story im Berliner Kurier!

Manche Revoluzzer werfen Bomben, diese Rebellen lassen Blumen sprechen. Ihre Molotowcocktails sind mit Samen und Erde gefüllt. Dem tristen Grau der Großstadt rücken sie mit bunten Blüten zu Leibe. „Guerilla-Gärtner“ nennen sie sich – und tatsächlich ist ihr Treiben verboten! Bis zu 5000 Euro muss abdrücken, wer anderer Leute Eigentum bepflanzt.(…) Die Guerilla-Gärtner haben „Rosa Rose“ noch nicht aufgegeben. Obwohl kaum mehr als wildes Grün und Schilder „Kinderbeet“b an den Kiez-Treff erinnern. Ist es Zeit für die Öko-Rebellen, sich ganz auf „mobile Protestformen“ zu verlegen?

Um das Bethanien wird aktuell für interkulturelle Nachbarschaftsgärten gekämpft. Die Initiative hat wie alle anderen (z.B. Laskerwiesen, Klausenerplatz, Landwehrkanal und die Freunde des Mauerparks) einen Blog und macht vortreffliche Öffentlichkeitsarbeit.

In und um die Liebig34 passiert grad eine ganze Menge und es könnte sein, dass wir bald mit froher Kunde an die Öffentlichkeit treten. Gestern wurde schonmal der Hof aufgeräumt, die Internetseite aktualisiert und eine Bank vor dem Infoladen eingeweiht.

Etwas Entspannung soll es ja sowieso geben: Mit dem kommenden Mietspiegel soll das Wachstum der Mieten gedämpft werden, so ein Vorhaben der SPD. Insbesondere bei schlecht isolierten Wohnungen soll die Miete stark gedeckelt werden.

Stellvertreter-Kriege um Homogenität von Bezirken

Der Berliner Soziologe Hartmut Häußermann überlegt im neuen Spiegel, wie man eine Homogenisierung von Stadtvierteln verhindern kann. Das letzte Mal, als er Mitte der 90iger über die Ghettoisierung von Vierteln nachgedacht hat, wurden in vielen Bezirken Quartiersmanager engagiert.



So langsam haben es alle mitbekommen: Am Sonntag ist mal wieder „Wasserschlacht“ auf der Oberbaumbrücke. Friedrichshain verhandelt die Grenzen zwischen Ost und West mit Kreuzberg neu. Diesmal werden wir die Kreuzberger Invasoren wohl nachhaltig bis zum Görli treiben – späte Genugtuung nach den Opfern, die wir mit der Bezirksreform bringen mussten. Der militaristische Duktus der Friedrichshainer Wasserarmee kommt nicht von ungefähr. Ein Kommentar eines Frontsoldaten:

Die Geschichten über Säckeweise Exkremente verschiedener Säugetiere, Mitte der 90iger Jahre, sind alle wahr. Das muss jetzt auch mal selbstkritisch gesagt werden. Letztlich sind wir von der WAF verantwortlich für das scheinbar natürliche Zucken vieler Kreuzberger, wenn mal jemand laut wird.

Ein paar Neuköllner wollten auch mal erfolgreich sein und haben die Kreuzberger ebenfalls herausgefordert: Gegen Dehydrierung und Gentrifizierung.

Der Widerstand gegen das Mediaspree-Projekt hat mit dem am 13. Juli gewonnenen Bürgerentscheid seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Doch damit ist Mediaspree nicht versenkt. Die nahe Zukunft wird zeigen wie wenig der Bürgerentscheid gebracht hat.

Die Deutsche Bahn baut den Bahnhof Ostkreuz um. Eine Bürgerinitiative hat da keinen Bock drauf, weil das Prestigeprojekt den Sozialraum drumherum nicht zum Guten verändern wird. Sie begleitet die Bauarbeiten kritisch, detailliert und manchmal auch juristisch. Am Sonntag ist fortan Ruhepause für die Bauarbeiter, da die BI erfolgreich wegen Lärmbelästigung geklagt hat. Der sonst ganz ordentliche Hauptstadt-Blog schäumt vor Wut und wartet mit einer üblichen Argumentation auf:

Am Ostkreuz könnten derzeit die Bauarbeiten in vollem Gange sein, wenn nicht eine Bürgerinitiative erneut große juristische Knüppel auspackt. Die Kaffeetafel ist gerettet.

Bürgerentscheid versenkt..

Kaum ist der Bürgerentscheid gegen das Bauprojekt Media-Spree mit 87% Gegenstimmen erfolgreich ausgefallen, wird gefordert Bürgerentscheide wieder abzuschaffen. Während in der Berliner Zeitung schon die Kultur der Mitsprache gefeiert wird, fordert die FDP die Investorenträume gegen die egoistischen Althippies durchzusetzen. Der Senat sichert den Investoren Planungssicherheit zu und entscheidet sich damit gegen den Gemeinwillen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Die Wir-Bleiben-Alle Kampagne will zumindest den Mehrheitswillen der Berliner bzgl. Flughafen Tempelhof umsetzen. Der Volksentscheid, der im April von den Fluggesellschaften für den Erhalt des Flughafens angestrengt wurde, war gescheitert. Nun wird diskutiert wie das Gelände mitten in der Stadt nach Einstellung des Flugverkehrs im Oktober sinnvoll genutzt werden kann. Der erste ernstzunehmende Gesprächskreis hat sich schon gestern getroffen.

Quartiersmanagement Görlitzer Park

Wozu braucht dieser Park das Engagement von Quartiersmanagern?, wäre unsere Frage auf die letzte Woche stattfindene Veranstaltung „Kiezgespräch Görlitzer Park“ gewesen. Initiiert durch Bezirksamt und staatlich finanzierte Stadtumstrukturierer ging es eher um die Pseudo-Aktivierung eines Idealtypus-Bürger, der so nur in der Wunschvorstellung der Stadtplaner existiert: Hart arbeitend, gebildet, am Gemeinwohl interessiert. Der Görli soll eine Oase der Ruhe für genau jene Menschen werden. Der Appell ist nicht unbegründet – schließlich sollen die umstehenden Wohnhäuser durch den Park ökonomisch aufgewertet werden, was gerade angeblich verhindert wird.

„Gerade jetzt im Sommer wird es besonders augenfällig und unangenehm: Der Dreck und die aggressiven Belästigungen der Dealer im Görlitzer Park nehmen überhand. Viele Anwohner/innen meiden deshalb den Park.“

Was wirklich diskutiert wurde und ob hier wirklich der verkleidete Law-and-order-Staat hinter steckt, kann auf einem nahezu unabhängigen Bericht auf Indymedia nachgelesen werden. „Alles in allem wirkte das Kiezgespräch wie eine Prestigeveranstaltung zur Bürger_innenbeteiligung im Kiez. Es wurde nicht wirklich klar, ob und was sich verändern soll und wo sich die Wünsche der Anwohner_innen und Parkbesucher_innen treffen könnten -und vorallem, wieviel die Vertreter_innen von Stadt und Staat dazu beitragen können. Klar wurde, dass Probleme wie zu kleine Mülltonnen die Gemüter mehr erregte als die immer häufiger auftauchenden Polizeistreifen im Park. Die Tatsache, dass es im Görli immer mehr Vergewaltigungsfälle gibt, wurde nicht erwähnt. Auch das Menschen ohne Papiere sich z.T. nicht mehr in den Görli trauen, weil sie auf Grund ihres nicht mehrheitsdeutschen Aussehens von der Polizei kontrolliert werden, hatte auf der Veranstaltung keinen Platz. Scheinbar wollen viele Menschen lieber mehr Schilder, Regeln und Verbote, um den Görli in Ruhe zu nutzen – noch mehr Sauberkeit und Ordnung in SO36?!“ Ein Fake-Flugblatt unter dem Motto: „Görli- ohne Dreck, Drogen, Punks und Penner?“ hatte die Diskussion schon im Vorfeld angeheizt. Stimmung machen können die AnwohnerInnen (also, jene die wirklich am Gemeinwohl interessiert sind) eben immer noch am besten..

Eine Spreefahrt, die ist lustig..

dachten sich die potentiellen Investoren (auch einige aus Stuttgart), die dem Ruf des Vereins Berliner Wirtschaftsgespräche e.V. gefolgt waren, um sich die Vermarktbarkeit des Spreeufers reinzuziehen. Kritisch begleitet wurden sie von StadtbewohnerInnen, die ein gemeinschaftliches Interesse an den bisher öffentlich zugänglichen Räumen haben. Ein Bericht der Aktion bei Abriss-Berlin.

Aber nicht nur in unserem Kiez wird das Spreeufer bebaut. Eine der bestgelegenen Berliner Baulücken soll bald geschlossen werden: An der Spree neben dem Berliner Ensemble will das Kölner Unternehmen Vivacon ab Oktober eine Edelwohnanlage errichten.

Die nächste Möglichkeit an den Bürgerentscheid gegen das Großbauprojekt Media-Spree zu erinnern ist ein Tag vor der Abstimmung am 12. Juli um 15hr am S-Bhf. Warschauerstraße bei der Spree-Parade zum bereits gebauten Sinnbild kommerzieller Mainstreamkultur, der O2-Arena.