Bethanien: Offener Brief an Gesellschafter

Am 27.02 will die BVV Friedrichshain-Kreuzberg über die Zukunft des z.T. selbstverwalteten Haus Bethanien entscheiden. Das dort beheimatete AnwohnerInnenforum sOfa bezieht nun die Gesellschafter des Künstlerhaus in den Prozeß mit ein und fordert etwas mehr Street-Credibility. Wir dokumentieren den Offenen Brief.

Sehr geehrte Vizepräsidentin und Präsidenten der Akademie der Künste,
Gesellschafter der Künstlerhaus Bethanien GmbH,
an Frau Nele Hertling und Herrn Klaus Staeck

wir wenden uns an Sie, weil wir über das Verhalten und die Äußerungen des Geschäftsführers der Künstlerhaus Bethanien GmbH, Christoph Tannert, überaus erschrocken und erstaunt sind.
Infolge eines BürgerInnenbegehrens gibt es seit September 2006 einen Beschluss der BVV Friedrichshain-Kreuzberg, das Bethanien zu einem „Ort für kulturelle, künstlerische, politische und soziale Kommunikation und Interaktion“ zu entwickeln und es vor der Privatisierung zu bewahren.
Weiter soll „das Bethanien Haupthaus auch ein Ort der Begegnung und der Aktivitäten für AnwohnerInnen sein“ und ein „selbstverwaltetes interkulturelles AnwohnerInnenforum“ eingerichtet werden.
Im Oktober 2006 begann eine Gruppe von AnwohnerInnen zu regelmäßigen Treffen einzuladen und das interkulturelle AnwohnerInnenforum zu entwickeln. Am 28.Juli 2007 feierten wir schließlich die Eröffnung des AnwohnerInnenforums „sOfa“ mit mehr als 200 Gästen. Seitdem wirken mehr als ein Dutzend AnwohnerInnen ehrenamtlich an der Entwicklung des sOfas mit.

Um den BVV-Beschluss zum Bethanien zu konkretisieren, trafen sich die NutzerInnen des Hauses und AnwohnerInnen zusammen mit der Bezirkspolitik über einen Zeitraum von 12 Monaten an einem Runden Tisch. Dieser Runde Tisch beschloss auch, dass das „sOfa“ vorübergehend und bis zu endgültigen Entscheidungen nur einen kleinen Raum mit 27 qm im Eingangsbereich anmieten dürfe. Dies geschah – wenn auch der Raum für unsere Gruppen und Aktivitäten überhaupt nicht ausreichend ist.

Der derzeitige Geschäftsführer der Künstlerhaus Bethanien GmbH, Christoph Tannert, tritt seit der Einrichtung des AnwohnerInnenform mit überaus herabwürdigenden und diskriminierenden Äußerungen und unverschämten
Behauptungen über uns in der Öffentlichkeit auf. So bezeichnet er unser Auftreten als „unästhetisch, uninspiriert, naiv und in jeder Hinsicht unprofessionell“, die Bevölkerung am Mariannenplatz betitelt er öffentlich als „Kiezdödel“. Uns zudem als „Spin-Off“ der HausbesetzerInnen im Bethanien-Südflügel zu bezeichnen, zeugt von seiner Realitätsferne. Direkte Gespräche mit uns lehnt Herr Tannert ab.
Neuerdings fordert er, dass wir in den Südflügel übersiedeln sollen und droht der BVV Friedrichshain-Kreuzberg damit, andernfalls mit dem Künstlerhaus aus dem Bethanien-Gebäude auszuziehen.
Die Räume im Erdgeschoss des Vorderhauses sind jedoch die einzigen (!), die barrierefrei zugänglich sind und auch einen Küchenzugang haben – und sie sind somit die einzigen, die wirklich für ein interkulturelles AnwohnerInnenforum geeignet sind.

Wenn die BVV den Forderungen Tannerts nachgäbe, wie es derzeit den Anschein hat, würde das interkulturelle Forum der AnwohnerInnen in den abgelegenen Südflügel mit Extra-Eingang verbannt. RollstuhlfahrerInnen würden dort schon vor (!) der Eingangstür scheitern – hinter der Eingangstür wäre dann das unüberwindliche Treppenhaus.

Sehr geehrte Frau Hertling, sehr geehrter Herr Staeck,
wir können nicht nachvollziehen, wie Sie Ihrerseits diese abwertende Entwicklung ohne Intervention einfach hinnehmen, und sehen uns dadurch als Menschen zweiter Klasse behandelt, über deren Köpfe hinweg schlecht geredet und entschieden wird.

Frau Hertling, Sie haben mal folgendes gesagt:
„Ich fände es eine Katastrophe, wenn sich ein soziokulturelles Zentrum und ein Kunstort nicht vertragen können.“
New Harmony, Video-Interviews, 2007
Für uns ist diese Katastrophe mit der beschriebenen Erpressungssituation durch das Künstlerhaus jetzt eingetreten.

Als Vertreterin und Vertreter der Akademie der Künste sind auch Sie in der Verantwortung für die Künstlerhaus Bethanien GmbH. Wir können nicht verstehen, wie Sie einerseits kluge Veranstaltungen durchführen, mit vielen schönen Reden über die kulturelle Beteiligung von Menschen aus verschiedenen Kulturen und wenig Geld, andererseits aber genau diese Menschen ignorieren und ihnen diese Beteiligung verwehren. Wir werden nicht in den Südflügel gehen und werden Sie auch in Zukunft an Ihre Verantwortung erinnern.

Wir laden Sie ein, sich selbst ein Bild zu machen und hoffen auf eine baldige Antwort,

mit freundlichen Grüßen,
Das selbstverwaltete interkulturelle AnwohnerInnenforum im Bethanien

PS: Die BVV Friedrichshain-Kreuzberg wird am 27.2.08 über die Zukunft des Bethanien entscheiden. Vielleicht können Sie Ihre Haltung bis dahin nochmals durchdenken und öffentlich kundtun.


1 Antwort auf “Bethanien: Offener Brief an Gesellschafter”


  1. 1 Mimi 25. Februar 2008 um 8:45 Uhr

    Ein weiteres Beispiel für das Auftreten Tannerts im Tagesspiegel vom 25.2.08 ( Tagesspiegel vom 25.2.: „Feste Bleibe“ ) , wo er behauptet, dass im interkulturellen AnwohnerInnenforum sOfa „zwei Wochen lang Urschrei-Therapie praktiziert worden“ sei und das als „absurd“ bezeichnet.

    Frei erfunden und jeglicher Grundlage entbehrend. Bleibt abzuwarten, wie lange er noch herumlügen darf, ohne dass dies in irgendeiner Weise wahrgenommen wird von Kulturschaffenden und Politik.

    Die Webseite mit dem „realen“ Programm des AnwohnerInnenforums im Bethanien gibts hiermit zu erreichen: http://sofa-im-bethanien.blogspot.com

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